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MENSCHEN

Jenseits aller Definitionen: Kai-Isaiah Jamal über Pride als Protest

Poet*in, Model und Kämpfer*in für Trans-Sichtbarkeit: Kai-Isaiah Jamal spricht über Geschlechtsdefinition, wieso das Trans-Sein als Superkraft angesehen werden sollte und über their aktuelles Gedicht, das they exklusiv für COS geschrieben hat.

Kai trägt ein T-Shirt von COS.

„Obwohl die Pride fröhlich ist, muss sie trotzdem ein Ort für Widerstand und Protest sein.”

„Pride is where all the questions don’t need answer. where all the colours can blur into one.“ Das ist die letzte Zeile des Gedichts, das Kai-Isaiah Jamal (they/them) extra für COS verfasst hat. They ist Performance-Poet*in, Kämpfer*in für Trans-Sichtbarkeit und Model und hat das Gegenteil eines T-Shirts mit Slogan entworfen. Stattdessen hat they intime, differenzierte Gedanken einfließen lassen, „um ans Licht zu bringen, was für eine persönliche Feierlichkeit die Pride darstellt und dass es nicht nur eine Art und Weise gibt, wie wir sie erfolgreich feiern können.“ Der klein gedruckte Text soll „Menschen dazu ermutigen, sich einen Moment Zeit zu nehmen, um zu lesen, was auf dem T-Shirt steht. Es ist kein Schlagwort, das die Gemeinschaft nicht gebührend repräsentiert.“

Die Pride weckt in vielen Menschen der LGBTQIA+ Community gemischte Gefühle. Ja, es ist eine Zeit, in der man feiern sollte. Aber auch eine Gelegenheit, bei der man über die Arbeit nachdenken sollte, die Zuhause und im Ausland noch vor einem liegt. „Obwohl die Pride fröhlich ist, muss sie trotzdem ein Ort für Widerstand und Protest sein,“ sagt Jamal. „Ich wollte die Idee mit einfließen lassen, sich außerhalb des Westens umzuschauen und eine Reihe verschiedener Geschichten über Queerness mit aufnehmen, beispielsweise über Menschen an Orten, an denen sie sich nicht outen können oder in Ländern, in denen es immer noch illegal ist, Teil der LGBTQIA+ Gemeinschaft zu sein. Und für die Menschen, die all das infrage stellen, denn wenn wir über Pride sprechen, verlieren wir Menschen, die immer noch herausfinden, was genau ihre Sexualität für sie bedeutet.“

Wir haben mit Jamal über die Wichtigkeit der UK Black Pride gesprochen, wie Geschlechter sich anfühlen können „wie ein zu kleiner Mantel“ und warum das Trans-Sein als Superkraft angesehen werden sollte.

ÜBER DIE UK BLACK PRIDE
„Es ist sehr wichtig für uns, die in diesen weltoffenen, liberalen Großstädten wie London oder New York oder Sydney leben, wo ihnen so viele Privilegien gewährt werden, sich daran zu erinnern, wie viele Menschen von der Pride ausgeschlossen sind. Ein großer Teil der London Pride bietet Platz für eine bestimmte Zielgruppe in der Gemeinschaft. Menschen haben mich gefragt: „Oh, also bist du heterosexuell?“, als ich bei der Pride war. Und ich darauf: „Nein, ich bin nicht heterosexuell. Ich passe nur in eine maskuline Sparte.“ Deshalb finde ich die Pride oftmals schwierig und gehe meistens zur UK Black Pride. Bei der letzten London Pride, an der ich teilgenommen habe, war ich Teile eines Kollektivs. Wir haben im Southbank Centre eine riesige Party veranstaltet, von uns, für uns. So feiere ich die Pride am liebsten: Wenn es sich um eine Veranstaltung handelt, die ich, meine Freunde oder meine Community organisiert haben, was der normalen Parade und dem üblichen Flair der Pride widerspricht. Ich möchte, meiner eigenen Befreiung willen, sicherstellen, dass niemand zurückgelassen wird.“

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ÜBER DIE HERAUSFORDERUNGEN DER DIESJÄHRIGEN PRIDE
„Wir befinden uns immer noch inmitten einer Epidemie von Gewalt gegen Transmenschen. Manche verlieren ihr Leben, manche werden ihrer Geschlechtsmarker beraubt, manche können ihre Deadnames nicht ändern, manche bekommen einen Job nicht, manche haben keinen Zugang zu Wohnraum. Ich schätze bei mir überschneidet sich all das. Wir müssen daran denken, dass die Pride von Transfrauen begründet wurde. Der Gedanke, dass sie nicht an der Spitze stehen, ist etwas, das sich ändern muss. Dass die USA ein X als Geschlechtsmarker anerkennen, ist unglaublich. Dadurch erhält das Thema im Vereinigten Königreich eine noch größere Dringlichkeit. Ich hoffe, dass es darüber viele Gespräche und Diskussionen geben wird. Und wir müssen uns außerhalb des Westens umschauen. Wir konzentrieren uns so sehr auf die USA und das Vereinigte Königreich und vergessen dabei, dass es so viele Länder gibt, in denen noch Todesstrafen existieren und in denen Menschen nicht sicher sind. Ich glaube nicht, dass wir über Freiheit, Befreiung und queere Revolution sprechen können, ohne dass alle gleiche Voraussetzungen haben.“

ÜBER GESCHLECHTERDEFINITIONEN UND AUSDRUCK
„So viele Leute fragen mich: „Willst du in einer geschlechtslosen Welt leben?" Und ich sage: „Nein, ich möchte nicht in einer geschlechtslosen Welt leben. Ich verstehe die Wichtigkeit von Geschlechtern.“ Für mich gab es auch einen Punkt in meinem Leben, als ich sehr streng binär war. Und zum Zeitpunkt meines ersten Coming-outs nahm ich Hormone. Ich wollte mit er/ihm angesprochen und als Mann bezeichnet werden. Diese Anpassung, so nahe am Cisgender wie möglich. Die Beseitigung des Geschlechts löst das Problem nicht wirklich. In vielerlei Hinsicht denke ich, dass dies ein größeres Problem verursacht. Die größte Sache, vor der binäre Menschen Angst haben, ist, dass Sie etwas loswerden, das existiert hat und das für sie so viele Jahre lang Sinn gemacht hat. Ich denke, unsere Label, Titel und Akronyme werden immer umfassender. All diese Dinge sind so wichtig, aber dann denke ich über Non-Binarität nach und denke mir, warum muss man eigentlich immer allem einen Namen geben? Der springende Punkt ist, dem Geschlecht zu widerstehen.

Ich hoffe, dass wir anfangen, Geschlecht als etwas viel Umfangreicheres zu betrachten. Früher habe ich diesen Workshop mit Kindern gemacht. Wir haben mit ihnen über Geschlechter gesprochen, ohne über ihren Körper zu sprechen, was meiner Meinung nach über die Generation nach uns hinausgehen muss. Wir wissen nicht, wie man über Geschlecht oder Sexualität spricht, ohne über Körperlichkeit zu sprechen. Wir haben mit den Kindern über Geschlecht als Farbe, als Ort, als Lied oder als Form gesprochen. Die Kinder sagten: „Nun, es fühlt sich an wie ein zu kleiner Mantel, und er ist unbequem.“ Und für mich ist das meiner Meinung nach ein wichtigerer Weg, um die Geschlechterdarstellung einer Person zu verstehen, als wenn diese sagt: „Ich bin nicht-binär" oder „Ich bin genderqueer" oder „Ich bin Trans." Sie sagen: „Geschlecht ist eigentlich etwas, das sich wie ein schlecht sitzender Mantel anfühlt”. OK, also wie finden wir einen Weg, ihn bequemer zu machen?".

„Ich möchte nicht in einer geschlechtslosen Welt leben. Ich verstehe die Wichtigkeit von Geschlechtern.”

ÜBER GENDERPLAY
„Ich hoffe für die Zukunft, die Menschen dazu ermutigen zu können, Geschlechter als eine Art Spielplatz und als etwas, mit dem sie Spaß haben können, zu betrachten. Es hat lange gedauert, bis ich an diesem Punkt angekommen bin. Ich war so damit beschäftigt, ein anderes Label zu finden, das Sinn macht. Ich werde immer noch recht oft einem falschen Geschlecht zugeordnet. Es ist witzig – ich weiß nicht wie, aber hauptsächlich aufgrund von Unwissenheit und Faulheit. Jetzt sind mir meine Pronomen weniger wichtig. Ich weiß nicht wirklich, ob meine Pronomen für mich bestimmt sind – ich denke, meine Pronomen dienen eigentlich nur dazu, dass andere Menschen sie verstehen, und dass ich mein Geschlecht klein genug oder schmackhaft genug oder verdaulich genug mache, damit es jemand anderes verstehen kann. Und wenn ich denke: „Passen sie zu mir?" Dann weiß ich es nicht. In dem Moment, in dem ich anfing, die Skala der Geschlechterdarstellung nach oben und unten zu schieben, erkannte ich: „Das fühlt sich wirklich am meisten nach mir an. Das fühlt sich am besten an, und das fühlt sich am ehesten nach Freiheit an.“

Manchmal wache ich morgens auf und denke: „Nein, ich will wieder eine Mastektomie." Und dann wache ich am nächsten Morgen auf und denke mir: „Nein, nein, nein. Nimm dir etwas Zeit." Es ist diese fortwährende Reise. Ich hoffe, die Menschen können langsam erkennen, dass wir mit Liebe durch die Welt gehen müssen. Häufig sprechen wir über das Trans-Sein in Bezug auf Transphobie. Die Leute sprechen mit mir über die Schwierigkeiten des Trans-Seins, und ich denke: „Ja, aber Trans-Sein ist nicht immer der schwierige Teil – manchmal ist es nur die Gesellschaft darum herum. Das ist der schwierige Teil. Trans zu sein ist in vielerlei Hinsicht fast wie eine Superkraft.“ Wir haben eine Verpflichtung gegenüber der Generation, die nach uns kommt. Sie soll nicht damit konfrontiert werden und denken, dass dies ein Todesurteil oder das Schlimmste in ihrem Leben sein wird. Es gibt so viel Neugier rund um das Trans-Sein. Es könnte etwas Revolutionäres und Wichtiges sein, das es den Leuten ermöglicht, Menschen außerhalb eines begrenzten Geschlechtsspektrums zu verstehen. Gäbe es die Angst davor nicht, wäre alles so anders."

ÜBER TRANS-SICHTBARKEIT & GESCHICHTE
„Sichtbarkeit ist so wichtig. Es geht nicht immer darum, was man sagt – manchmal geht es einfach darum, in einem Raum zu sein und den Leuten klar zu machen, dass es sich bei dieser Sache nicht um eine Idee oder ein Konzept handelt. Es ist kein Schlagwort der Gen-Z. Es handelt sich dabei um eine Identität. Eine Identität, die so reich an Geschichte ist. In der Kultur der Yoruba in Nigeria gibt es ein drittes Geschlecht. Wir sagen nicht „Trans-Sein". Schaut man sich die Geschichte spiritueller Praktiken in asiatischen Ländern an, gab es dort Trans-Frauen. Oder sogar Mädchen, die in Indien tanzen, viele davon sind Trans-Mädchen. Je mehr Sprache sich weiterentwickelt und je mehr Kultur sich weiterentwickelt, desto mehr werden wir wahrscheinlich sehen, wie die Dinge in Frage gestellt werden. Ich liebe diese Unsicherheit, denn so viel am Trans-Sein ist Ungewissheit und so viel besteht darin, es einfach herauszufinden. Es gibt keinen Bauplan. Das ist es, was die Leute nicht erkennen: Wenn man die Geschichte von Menschen entfernt, bedeutet das, dass sie keinen Bauplan oder keine Referenz haben, auf die sie zurückblicken können. Wir lernen, während wir uns weiterentwickeln."

SCHNELLFRAGERUNDE

Was ist Ihr Soundtrack für den Sommer?
„Ich habe mir das Lied erst gestern angehört, es ist Cleo Sol. Sie singt ein Lied namens Know That You Are Loved. Es ist so perfekt. Sie wiederholt einfach diesen Text, immer und immer wieder. Es ist einfach toll."

Wo würden Sie Ihren perfekten Urlaub verbringen?
„Ich habe kürzlich ein Lied namens Fantasy Island mit meinem Freund Tom Rasmussen, auch bekannt als Tom Glitter, veröffentlicht. Es ist im Grunde eine Sprachnotiz von mir: „Wahre Befreiung für mich ist, dass ich auf einer Insel mit allen queeren Menschen ankomme. Heterosexuelle Menschen sind nicht erlaubt." Es ging darum, dass wir an diesem Ort sind und frei sind. Ich schätze, dass mein perfekter Urlaub auf dieser nicht-existierenden Fantasieinsel in meinem Kopf stattfinden würde."

Was lesen Sie in Ihrem Sommerurlaub?
„Im Moment lese ich Alles über Liebe von bell hooks, das Buch verändert mein Leben. Das und Jasmine Mans, eine meiner Lieblingsdichterinnen. Sie hat ein Buch geschrieben, Black Girl, Call Home. Hier geht es um Rasse, Geschlecht, Sexualität, eine lesbische Frau in einem schwarzen Haushalt."

Was ist Ihr Lieblingsmoment bei einem Sommerfestival?
„Dieses Jahr freue ich mich sehr auf den Notting Hill Carnival. Und ich habe tatsächlich einen queeren Wagen gefunden, bei dem ich dabei sein werde. Besser geht es nicht."

Text von Stuart Brumfitt
Fotos von Collier Schorr 
Styling von Esther Matilla 

VIDEO ANSEHEN
COS präsentiert „And that's okay", ein Gedicht, das Kai-Isaiah Jamal eigens für die Pride-Kollektion geschrieben hat.


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